16 Jun 2022

Garpa Designer Jan Homann im Gespräch – über Kunst im Design und seine Liebe zum Handwerk

Jan Homann hat Produktdesign bzw. Industriedesign studiert, bezeichnet sich selbst aber bevorzugt als Möbeldesigner. Nicht weil er nur Möbel entwirft, obwohl diese im beruflichen Rahmen sein Hauptbeschäftigungsfeld darstellen, sondern weil er die Begriffe Produkt und Industrie „für sich selbst nicht so fühlt“, wie er im Gespräch mit Garpa betont. Technisch sei Produkt der richtige Ausdruck, ließe aber die Emotionen vermissen, die Möbel – zusätzlich zum funktionalen Aspekt – für ihn mit sich bringen. Schließlich begegnen uns Möbel in „unserem intimsten Umfeld, in unserem Zuhause“. 

Seine Leidenschaft gilt neben der Gestaltung von Möbeln auch dem sie umgebenden Raum – Interieur wie Exterieur –, in den er außerdem Accessoires und Kunst „hineingestaltet“, zuletzt die Outdoor-Spiele für Garpa. Im Interview spricht er über den künstlerischen Anteil seiner kreativen Arbeit und sein Handwerkerherz, über Inspirationen und seinen Ausgleich sowie über die Zusammenarbeit mit Garpa.

Garpa Designer Jan Homann im Gespräch

Der Designer Jan Homann ist künstlerisch, aber auch handwerklich versiert.

Wie viel Kunst steckt in Design?

Bei der Gestaltung von Gegenständen, die einen Zweck erfüllen sollen, gibt es naturgemäß gewisse Anforderungen zu erfüllen. Entwerfe ich einen Stuhl, geht es zunächst darum, dass man darauf sitzen kann, im Idealfall möglichst bequem. Dazu muss er herstellbar sein und dann kommen noch wirtschaftliche Aspekte hinzu. Dreidimensionale Gestaltung hat also eine handwerkliche Komponente, die per se über der finalen Form steht.

Und dennoch stellt die Form, die ich für meine Gestaltung wähle, eine nicht minder wichtige Komponente dar, denn über diese kommuniziert ein Entwurf mit seiner Umgebung. Und natürlich besonders mit seinem Betrachter. Da wird es persönlich – ich bringe an der Stelle ja meine Emotionen, mein Gefühl, mein ästhetisches Empfinden mit ein. Ich finde, dieser Teil im Design hat durchaus etwas Künstlerisches, auch wenn ich mich lange davor gescheut habe, es so zu benennen und mich eher hinter der klugen Konstruktion/Funktion „versteckt“ habe, denn diese emotionale Komponente bringt ja eine gewisse Unsicherheit mit sich. 

Wie jeder andere Mensch sehe ich die Welt durch meine eigene Brille und auch wenn ich, aufgrund meiner Ausbildung und der im Laufe der Jahre gewachsenen Erfahrung, vielleicht auf eine Weise beeinflussen kann, wie meine Entwürfe wahrgenommen werden, bleibt es letztlich eine Frage des persönlichen Geschmacks, ob sie gefallen oder nicht. Oder anders gesagt: Während sich der konstruktive Anteil argumentieren lässt, im Sinne von „Produkt funktioniert“, bleibt der ästhetische Anteil immer gefühlt und somit im Auge des Betrachters, der einen Entwurf von mir individuell wahrnimmt.

Das Schöne ist, dass mit der Zeit ein nuanciertes Gefühl für den eigenen Stil entsteht und sich damit ein gestalterisches Selbstbewusstsein entwickelt, in dem ich es mittlerweile als spannend empfinde, einen Entwurf an den Nutzer zu übergeben, der etwas ganz Eigenes darin sieht und ihn vielleicht auch ganz anders kombiniert, als ich es vor Augen hatte.

Zudem traue ich mir mittlerweile zu, ein gewisses formales Bild über die für die Umsetzung nötige Konstruktion zu stellen; in dem Selbstbewusstsein, die passende handwerkliche Komponente auch erst im zweiten Schritt zu finden. So öffne ich mich seit einiger Zeit dem Begriff des Künstlers.

Die handwerkliche Komponente scheint Dich jedoch ebenso zu faszinieren?

Absolut. Das eine geht nicht ohne das andere, erst beides zusammen entspricht meiner Vorstellung von Design, die künstlerische Komponente gemeinsam mit der handwerklichen. 

Eine Kombination, die sich vielleicht deswegen zur Passion entwickelt hat, da ich schon früh Berührungspunkte zu ihr hatte. Mein Vater ist Ingenieur und so wurde bei uns immer viel selbst gebaut in der kleinen Werkstatt im Keller. Mit meiner Mutter teile ich das Künstlerische und das Feingefühl für Dinge. Beides spiegelte sich dann auch in meinen Abiturfächern wider – Mathe, Physik und Kunst. Ich bin sehr glücklich, über diesen Beruf gestolpert zu sein, der beides so wunderbar miteinander verbindet. Neben meine künstlerische Seele gesellt sich definitiv mein Herz fürs Handwerk.

Wann hat es zum letzten Mal höhergeschlagen?

Im Rahmen einer privaten Hausrenovierung habe ich Schiebetüren aus massiver Eiche entworfen und sie unter Zuhilfenahme von Handwerkzeugen wie Japansäge, Handhobel und Stecheisen auch selbst umgesetzt. Dafür habe ich mich von traditionellen Vorbildern solcher Türen inspirieren lassen und die darin verwendeten, altbewährten Holzverbindungen wie Nut und Feder oder Keilleisten mit Versatz behutsam mit moderner Zurückhaltung verbunden. So waren pro Tür nur ein paar Tropfen Leim und drei Schrauben nötig und dennoch könnten diese Türen auch in 50 oder 100 Jahren oder gar zu einem viel späteren Zeitpunkt noch genauso dort hängen.

So etwas fasziniert mich. Obwohl die Türen sehr schlicht sind und die beschriebenen Details vielleicht erst auf den zweiten Blick auffallen, machen gerade diese die Türen für mich so besonders. Ihre Schlichtheit in Kombination mit dem Wissen um ihr Gewicht, das lautlos auf und zu gleitet und an beiden Enden sanft schließt, strahlt eine große Ruhe aus. Dazu trägt auch ihre matte, fast roh wirkende Oberfläche bei, an der ich lange experimentiert habe, um die passende Technik für eine möglichst natürliche Oberfläche zu finden. Immer, wenn ich sie sehe oder mit den Händen drüber streiche, freue ich mich. 

Möbel und Gebrauchsgegenstände oder Interieuraccessoires selbst herzustellen und sich die dafür benötigte Zeit zu lassen, hat etwas sehr Erfüllendes. Es reizt mich, altbewährte Methoden der Handwerkskunst in die Moderne zu übersetzen. Muss ich immer Schrauben verwenden oder kann eine Bank auch nur aus Holzverbindungen bestehen und wird damit konstruktiv sogar langlebiger? In Japan z. B. gelten die teilweise hochkomplexen japanischen Holzverbindungen als überaus ästhetisch und werden hoch geschätzt.

Garpa Designer Jan Homann gibt Eindrücke seiner Arbeit

Zwischen den Zeiten. Modern interpretierte Handwerkskunst für Jahrhunderte.

Du lässt Dich also bewusst inspirieren?

Ich würde eher sagen, ich suche mir bewusst Anregungen oder suche bewusst nach konstruktiven Lösungen. Inspiration kommt eher ungeplant, in der Natur oder wenn ich von etwas besonders fasziniert bin und dem dann nachspüre.

Um in Japan zu bleiben: Ich finde es schlicht spannend, wie dort mit Holz umgegangen wird. Es gibt Wettbewerbe, bei denen Holz gehobelt wird, und generell erfährt das Material und das damit verbundene Handwerk eine ganz andere Wertschätzung. Sich damit zu beschäftigen, ist an sich schon eine enorme Inspirationsquelle. So kann man z. B. dem japanischen Möbeltischler Natsuki Ishitani auf YouTube dabei zuschauen, wie er auf Bestellung hochästhetische Möbel entwirft und unter Verwendung all der genannten Techniken in einer unglaublichen Perfektion herstellt.

Das Handwerk inspiriert mich dazu, mich zu fragen, wie ich das Gelernte in meine Entwürfe einfließen lassen oder wie ich eine Technik besonders formschön in meiner Gestaltung einsetzen kann. Dafür sind natürlich auch Einflüsse von außen wichtig. Ebenso wichtig ist es, sich gleichzeitig von ihnen freimachen zu können, um der eigenen Kreativität ihre Freiheiten zu bewahren. So sind es am Ende meistens die Momente, in denen ich abends am Meer sitze, in denen es „klick“ macht.

Design bzw. die damit verbundene Kreativität ist insofern allgegenwärtig. Ideen können jederzeit kommen und es passiert ganz von allein, dass ich sie zumindest in Gedanken weiterverfolge. Ich entwerfe ohnehin sehr viel in meiner Vorstellung, bevor ich überhaupt den Stift in die Hand nehme. Und das geht im Grunde ja überall und zu jeder Zeit.

Das klingt sehr einnehmend. Hast Du einen Ausgleich, der dieser Allgegenwärtigkeit entgegenwirkt?

Zum ganz freien Kreativsein brauche ich nicht wirklich einen Ausgleich. Es macht mir ja Spaß. Und es reguliert sich auf eine Weise ganz von allein, indem ich eben dann nicht über Ideen nachdenke, wenn sich meine Kreativität nach einer Pause sehnt. Zur Arbeit wird es erst durch die berufliche Komponente, z. B. durch einen zeitlichen Rahmen, der dem „Ideen kommen lassen, wann sie kommen“ ja auf eine Weise widerspricht.

Neben dem Gestalten ist meine andere große Leidenschaft das Meer, in dem ich in sehr arbeitsreichen Zeiten meinen Ausgleich finde. Ich verbringe mehrere Monate des Jahres an der Küste des französischen Baskenlandes, um dort zu surfen. Sich dem Ozean hinzugeben, diesem Wunder der Natur die Kontrolle zu überlassen – das ist wie Meditation und ein wunderbarer Ausgleich für eigentlich alles. Zum Kreativsein selbst brauche ich den, wie gesagt, aber nicht. Meine Kreativität frei zu leben, empfinde ich als Erfüllung und nicht als Anstrengung. 

Kannst Du das auch in der Zusammenarbeit mit Garpa?

Da muss ich direkt noch einmal das Handwerkerherz aufgreifen. Das ist mir nämlich auch bei einem Entwurf für Garpa aufgegangen. Bei den Spiegeln wollte ich eine Gärungsverbindung an den Ecken und eine Schmiege auf der Innenseite, um die Laibungen zu betonen. Es hätte eine moderne Kunststoffverbindung gegeben, aber dann hat sich herausgestellt, dass man das auch mit Fingerzinken machen kann und diese sogar die bessere Verbindung sind – in der Balance zwischen Haltbarkeit und Fertigung.

Die Spiegel-Serie ist mein erster Entwurf für Garpa gewesen und ich habe mich sehr gefreut, dass sich bei der Ausarbeitung meiner Entwürfe gleich das gemeinsame Verständnis von Langlebigkeit und Liebe fürs Detail so schön gezeigt hat. Natürlich ist die gewählte Verbindung ein wenig aufwendiger, aber es lohnt sich, eine kleine Extrarunde zu drehen, um den Lebenszyklus eines Produkts zu verlängern. Für mich definiert sich der Wert von Dingen weniger in der Zeit, sie herzustellen, sondern vielmehr in ihrer Fähigkeit, die Zeit zu überdauern.

Die Spiegelserie ist nicht nur mein erster Entwurf für Garpa, sondern auch einer meiner liebsten. Er verkörpert plakativ meine Vorstellung, dass sich dreidimensionale Gestaltung besonders gut in seine Umgebung einfügt, wenn sie mit ihr auf eine harmonische Weise im Dialog steht. Die Idee war, mit dem Spiegel eine Art Fenster zu schaffen, durch das man über seine Reflexion in den Garten schaut, in dem man sitzt. Um die Illusion eines Fensters auf die Spitze zu treiben, wollte ich eine halbe Vase  gestalten, die erst durch die Spiegelung zu einer ganzen wird und so mit der Wahrnehmung des Betrachters spielt.

Etwas in eine Umgebung einzufügen, das dann mit dieser kommuniziert, ohne ein Störfaktor zu sein – das reizt mich sehr. Für Garpas Offenheit, Kreativität ihren Raum zu geben, spricht, dass aus der halben Vase eine Kollektion werden durfte, die auch ganze Vasen beinhaltet und in deren Rahmen außerdem die Windlichter entstanden sind.

„Wie etwas wahrgenommen wird, lässt sich durchaus beeinflussen, aber niemals vollständig kontrollieren. Die Interpretation liegt im Auge des Betrachters.“

– Jan Homann

Designed by Jan Homann Garpa Spiegel und Vase

Variable Wahrnehmung. Der Spiegel zählt zu den Entwürfen, auf die Jan Homann besonders stolz ist.

Du hast Design als Deine Passion angeführt. Dennoch ist es auch Dein Beruf …

Design ist für mich deswegen so ein toller Beruf, da er, wie schon erwähnt, zwei meiner Leidenschaften auf eine wunderbare Weise verbindet. Gleichzeitig stimmt es aber natürlich, dass es besondere Herausforderungen mit sich bringt, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Es kommen Anforderungen von außen hinzu wie Wirtschaftlichkeit und generell die Wünsche des Unternehmens, für das man tätig ist. Das macht es aber auch besonders spannend, seine eigene Kreativität so zu übersetzen, dass der Entwurf diesen Anforderungen gerecht wird und dabei auch zum Unternehmen passt.

Ich glaube, dass die eigentliche Herausforderung ist, seine eigene Nische zu finden, in der die Verbindung aus Leidenschaft und Beruf nicht mit dem Gefühl einer Einschränkung einhergeht. Ich weiß nicht, ob dieser Prozess bereits zu Ende ist oder es jemals sein wird. Gefühlt hat er für mich in den letzten Jahren erst an Fahrt gewonnen und daran hat auch Garpa einen Anteil.

Meine Lust, in der Natur zu sein, und meine Leidenschaft, Produkte sowohl emotional als auch handwerklich hochwertig und nachhaltig zu gestalten, und Garpas Lust, eng mit Designern zusammenzuarbeiten und ihre Passion wertzuschätzen – das passt einfach. Garpa produziert nachhaltig und somit auch in dem Bewusstsein, dass Möbel langlebig sein müssen. Mit dieser Firmenphilosophie kann ich mich sehr gut identifizieren. Vom gegenseitigen Input profitieren beide Seiten und nicht zuletzt das Ergebnis unserer gemeinsamen Arbeit.

Würdest Du den Garten als Dein Spezialgebiet bezeichnen?

Jeder Ort hat sein eigenes Gefühl, seine eigene Seele und die Möbel oder Accessoires treten mit dieser in einen Dialog. Ich entwerfe sie zwar autark von dem, wo sie letztlich ihren Platz finden, und doch sind diesbezüglich gerade Möbel etwas Besonderes: Im Gebrauch sind sie niemals autark von ihrer Umgebung. Im Interieurdesign z. B., für das ich ebenfalls eine große Leidenschaft hege, stelle ich mir das Haus gern als Rahmen vor. Die Räume mit ihren Wänden sind die Leinwand. Ohne die Leinwand, kann das „Bild“ nicht existieren. 

Deswegen ist mir beim Interieurdesign die Gestaltung der Räume selbst mindestens ebenso wichtig wie das, was in sie hineingestellt oder -gestaltet wird. Und genauso ist es mit dem Garten und Gartenmöbeln. Erst der Orangenbaum, unter dem sie steht, macht die Bank zum ganz besonderen Platz im Garten. Während der Baum selbst auch ohne die Bank ein fertiges Kunstwerk ist.

Ein gewisser Rahmen ist also immer vorhanden, in den ich hinein gestalte, und um damit auf die Frage zurückzukommen: Ich liebe es, in der Natur sein, und ich liebe schöne Gärten. Daher macht es mir besonderen Spaß, für den Garten zu gestalten, und auch wenn sie im Entwurfsprozess nicht real vorhanden ist, stelle ich mir dabei vor, wie mein neuer Gartenmöbelentwurf wohl in Garpas Gartenwelt hineinpassen würde.

„Mit Garpa verbindet mich die Lust, qualitativ hochwertige und langlebige Produkte zu entwerfen.“

– Jan Homann

Über Jan Homann

Jan Homann ist 1978 in Hamburg geboren und aufgewachsen.

Von 2002 bis 2008 studierte er Industriedesign an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel, an der er 2013/2014 auch einen Lehrauftrag als Gastdozent hatte. Seit 2006 arbeitet er als Designer, u. a. für die Hamburger Leuchtenmanufaktur Tobias Grau, und gründete 2013 sein eigenes Studio.  

JAN HOMANN

*designer

*artisan

*artist 

T +49 (0) 173 2026041

Hamburg

Pays-Basques

www.janhomann.eu

www.instagram.com/jan.homann

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